In Gießen begann die Erforschung der Russlanddeutschen Literatur

Die Literatur der Russlanddeutschen ist weder Teil der deutschen, noch der russischen
Literatur. Es ist ein unabhängiges, eigentümliches Phänomen, das ein ethnisches Bild von der
Welt der Nachkommen deutscher Siedler in Russland widerspiegelt – der Russlanddeutschen.
Die ersten Deutschen gab es in Russland bereits im IX Jahrhundert. Eine aktivere
Auswanderung setzte gegen Ende des XVIII Jahrhunderts ein, als Ekaterina die Zweite die
Ausländer dazu einlud „überzusiedeln in das russische Imperium auf unbebaute und neue
Landteile“. Die Russlanddeutschen erschufen eine Literatur, die sie fortsetzen und deren
Status vom Phänomen bis zur Fiktion reicht.
Die Literatur der Russlanddeutschen ist kaum erforscht worden. Als ich mich im Jahr 1998
zum ersten Male einer umfassenden Untersuchung dieser Literatur widmete (meine
Dissertation zu diesem Thema wurde 2008 an der Moskauer Staatlichen M.W. Lomonossow-
Universität angenommen), fühlte ich stets ein Vakuum um mich herum. Stützen konnte man
sich nur auf einige einzelne Arbeiten mit lokalen Färbungen von Annelore Engel-
Braunschmidt, Alexander Ritter, Ljubow Kiruhina und anderen. Wertvoll waren die
Meinungen Russlanddeutscher Kritiker und Publizisten Herold Belger, Hugo Wormsbecher,
Johann Warkentin, Konstantin Ehrlich und Nina Paulsen. Nur selten beschäftigten sich
Dialekt-Forscher mit der Russlanddeutschen Literatur (wie zum Beispiel die Erforscherin der
Gattung Schwank Irina Desjatnikowa).
Die Defizite in der Erforschung Russlanddeutscher Literatur können auf die lange
Verschwiegenheit zu diesem Thema während der Sowjetzeit zurückgeführt werden, und
später auf die Unzugänglichkeit zu Publikationen, sowie einen schweren und komplexen
Entwicklungscharakter.
Auf Konferenzen von Literaturtheoretikern, Germanisten und Forschern der Geschichte und
Kultur von Russlanddeutschen konnte ich viele Jahre keine Gleichgesinnten entdecken, die
sich mit Literatur der Russlanddeutschen auseinandersetzten. Ich suchte nach Interesse bei der
Jugend. Ich ermutigte und kümmerte mich, soweit ich konnte, um Magisterarbeiten (Marina
Sekatschowa, Kasan) und eine künftige Dissertation (Alexander Schuklin, Tjumen) zum
Thema Russlanddeutsche Literatur. Es gelang mir zwei Kursarbeiten ins Leben zu rufen: zu
Autorübersetzungen in der Russlanddeutschen Literatur (Anna Hermann, Tscheljabinsk) und
den Motiven der Heimat in dieser (Anna Schumacher, Syktivkar). Ich hoffe, dass diese
Mädchen, Gewinner des Wettbewerbs „Freunde der deutschen Sprache“, ihre Untersuchungen
fortsetzen. Aber eine wissenschaftliche Gemeinschaft zu finden, deren Fokus die Literatur der
Russlanddeutschen ist, war eher Traum als Realität.
Doch diesem Traum war vorherbestimmt in Erfüllung zu gehen! Für die Literatur der
Russlanddeutschen begann ein neuer, heller Tag. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, unter
der Leitung von Professor Carsten Gansel, begann am Germanistik-Institut der Justus-Liebig-
Universität in Gießen das Studium der Literatur der Russlanddeutschen. Vom 22. bis zum 24.
September 2014 fand in der Stadt Gießen ein wissenschaftliches Kolloquium zum Thema
„Literatur und Gedächtnis. Zur Inszenierung von Erinnerung in der Literatur der
Russlanddeutschen vor und nach 1989“ statt. Für die Auseinandersetzung mit unserer
Literatur versammelte Professor Gansel beinahe zwanzig Germanisten. Bei der Eröffnung der
Konferenz berichtete er über die politischen Gegebenheiten, in denen sich die
Russlanddeutsche Literatur entfaltete und über die Besonderheiten ihrer Problematik. In
seinem Bericht teilte Herr Gansel von einem Archivfund mit: ein Werk von Berta Lask „Der
Vater. Skizze aus einem wolgadeutschen Dorf“ («Отец. Очерки из поволжской немецкой
деревни», 1936). Die Literatur der Russlanddeutschen benötigt dringend solche Textfunde.
Die Mitarbeiter des Germanistik-Instituts der Gießener Universität berichteten über die
Erzählung von Hugo Wormsbecher „Unser Hof“ (Julian Wessel), über die Partisanenkämpfe
in der Literatur der Sowjetdeutschen auf der Basis der Prosa von Alexander Reichert (Jose
Fernandes-Pérez) und über die Oktoberrevolution in der Russlanddeutschen Literatur (Mike
Porath). Jeder hat seine eigene wissenschaftliche Methode. In seiner tiefen und ausführlichen
Untersuchung zeigte J. Wessel auf, dass durch die Analyse der Wiedergabe der Erlebnisse
durch eine kindliche Perspektive des Protagonisten das zu analysierende Objekt mal
verfremdet erscheint, mal in den Fokus der Kamera gerückt wird; J. Fernandes-Pérez schenkte
der Sprache der Werke besondere Aufmerksamkeit; M. Porath analysierte, indem er
außertextuelle politische Problematiken miteinbezog, die historischen Inhalte und ihre
künstlerische Umsetzung.
Nina Paulsen kam zum Kolloquium mit einem Überblick zur Erinnerungsthematik in
russisch-deutschen Werken. Die Autorin dieser Zeilen las einen Bericht über das ethnische
Bild in der Welt der Russlanddeutschen Literatur der zweiten Hälfte des XX und Anfang des
XXI Jahrhunderts vor. Die Professorin Monika Wolting aus Polen (Breslau) machte eine
facettenreiche Analyse der Erzählung „Stütze der Welt“ von Elsa Ulmer, indem sie Motive
des Krieges, Frauenschicksale und Anzeichen für eine Utopie herausarbeitete. Deborah van
den Brande (Münster) untersuchte das kulturelle Gedächtnis in Viktor Heinz Roman „Als ich
gestorben war…“ („Когда я, было, умер…“, 2013). Natalia Shchyhelvska (Mainz)
untersuchte die Zweisprachigkeit in den Büchern von Wladimir Weber „Черепки“ und
„Scherben“, Doktor Sylke Karschnick (Berlin) untersuchte die Erinnerung in der Erzählung
von Viktor Schnittke „Eine Kindheit in Engels“ („Детство в Энгельсе, 1982“). Die
Professorin Tatjana Yudina aus Moskau wandte sich der Theorie der Faktoren von Identität zu
und untersuchte die Schwankungen zwischen Tradition und Experiment.
Den Literaturwissenschaftlern schlossen sich Linguisten an: Anna Ritter erstellte einen
Bericht über die Sprachbiographie von Russlanddeutschen, Anna Ladilova berichtete über die
kollektive Identität der Wolgadeutschen in Argentinien.
Die bekannte russisch-deutsche Schriftstellerin Nelly Däs war Gast bei der Konferenz. Sie
lebt seit 1944 in Deutschland und vernachlässigte das russisch-deutsche Thema in ihren
Geschichten und Romanen keinesfalls. Ihr Roman „Das Mädchen vom Fährhaus“ und die
Verfilmung des Romans „Nadja: Heimkehr in die Fremde“ (“Надя: Возвращение на
чужбину”, 1995, Regisseur Т. Neter) zeigen die feindliche Einstellung gegenüber russischen
Deutschen sowohl im sibirischen Dorf, wohin sie geschickt wurden, als auch in Leningrad
(St. Petersburg), wohin es die Protagonistin Nadja verschlägt. Ein großer Teil der Werke von
Nelly Däs, „С Тимофеем через тайгу“, „Алёша, мальчик из Кривого Рога“ und andere,
sind an Jugendliche gerichtet. Bei der Begegnung mit Wissenschaftlern erzählte Nelly über
die Besonderheiten ihres künstlerischen Prinzips. Über die Etappen ihres künstlerischen
Werdegangs berichtete Eckhard Scheld (Dillenburg). Die Werke von N. Däs fanden viel
Anerkennung. Die Schriftstellerin erhielt zahlreiche Auszeichnungen und literarische Preise,
unter ihnen den „Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“, eine Ehrung des Landes
Baden-Württemberg, den Züricher Kinderbuchbreis „La vache qui lit“ und andere.
Als Hugo Wormsbecher vor langer Zeit, im Jahr 1969, begann an seiner Erzählung „Unser
Hof“ (das erste Kapitel wurde als eigenständige Geschichte abgeschlossen unter dem Namen
„Vati’s Fußstapfen“) zu arbeiten, konnte er sich nicht vorstellen, dass sie eines Tages Objekt
der wissenschaftlichen Forschung im Westen Deutschlands sein wird. Das wissenschaftliche
Kolloquium in Gießen ist ein historisches Ereignis. Es ist sicher ein Ausgangspunkt zu einer
neuen Etappe in der Literatur der Russlanddeutschen, in der sie den Status erwirbt eine
lesenswerte und untersuchungswürdige Literatur zu sein.
Elena Seifert,
Professor und Dr. der Philologie

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