Произведения для перевода участниками конкурса

Произведения для перевода участниками I Международного российско-немецкого конкурса художественного перевода

Artur Rosenstern

Über den Autor

Artur Rosenstern, geb. 1968 in Kasachstan. Studium der Musik an der Hochschule der Künste in Bischkek. 1990 Übersiedlung nach Deutschland. Arbeit zunächst als Musiklehrer. Weiteres Studium der Musik‑, Medienwissenschaft, Geschichte uns Kreatives Schreiben  in Paderborn, Detmold und Hamburg. Freiberufliche Tätigkeit für einen Münchener Musikverlag im Bereich Musikedition. Veröffentlichungen überwiegend in Anthologien wie Wandel, Autorenträume, Zwischenwelten und Literaturzeitschriften wie Tentakel, Driesch, etcetera, Radieschen, LOG, RHEIN!, Karussell u.a.. Rosenstern schreibt Lyrik und Prosa.

Shortlist beim Berliner Schreibwettbewerb „Federleicht 2012“, Preisträger beim „Federleicht 2013“ in Berlin in der Kategorie Gedicht sowie beim Leverkusener Short-Story-Preis 2015 (2. Platz). Seine Erzählung „Planet Germania“ ist im M. Fuchs Verlag 2015 neu erschienen. Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller u.a. Interviews und Rezensionen im Bayerischen Rundfunk, WDR Funkhaus Europa, Kanal 21 etc. Mehr zum Autor auf  www.artur-rosenstern.de

garten eden

mir sagte einmal jemand

vorm tod sieht man sein

leben vorm innren auge in bruch-

stücken schnell vorüberziehen

ist dem so dann bin ich tausendmal

gestorben an jenen tagen wie an

diesem schlenderte ich durch einen park

der glich dem garten eden schritt ich in

richtung norden sah ich die letzten jahre

meines vaters im osten hörte ich die

wiegenlieder meiner mutter wie ein leises

echo sie ritten auf den wellen einer wasserquelle

und spritzten wehmut in dosierungen die

kaum ein mann von dieser welt ertragen kann

im süden tischte das konzerthaus speisen à la

russe auf – das feinste von dem feinsten

tschaikowsky gabs als vorspeise rachmaninov

zum hauptgang und glinka zum dessert

mir war danach als würd ich sterben

die bilder eines lebens sollt die nachspeise

heißen geläutert und gerührt verließ ich

diese nacht das festmahl der vorhof war

vom licht erfüllt als wär tag statt nacht der

wind der gegenwart wehte aus dem westen

es wage niemand zu behaupten die zeiten

von brentano wackenroder und dem

herren hoffmann seien schnee von gestern

der blick zurück ließ mich erstarren der

pfingstgeist winkte mir zum abschied

von der marmortreppe zu umringt von

hundert greisen die weltuhr zeigte auf den

pfingstmontag

der wind der gegenwart wehte aus dem westen

in tagen des verspäteten sommers
in der sengenden hitze

einmal am ufer des mains

gebaren wir neue worte und

sammelten erinnerungsscherben von

früher manche tranken den rostigen wodka *
die anderen klagten sie an nagelten sie

fest an die wand später sagen wir

wir waren damals so jung …

und werden selbst zu erinnerungsscherben

zu hütern unausgesprochener wünsche

wird nach uns jemand suchen …

*nach Sergej Tenjatnikow

glauben – hoffen – lieben

azurblau friedfertig der himmel

ein hellgrauer vorhang zieht auf vor deinem

antlitz schämst du dich etwa weil der frieden

trügerisch ist weil du ihn (vielleicht) vortäuschst

dort wo die erde blutrot ist wo das heulen und

zähneklappern schon längst im gange sind

hülle die erdkugel in eine kilometerdicke

dunstschicht ein lass die eiszeit wieder kommen

wir brauchen endlich den winterschlaf lass uns

aufwachen im neuen gewand erfüllt von

glauben – hoffen – lieben

lass sie gebären vom menschlichen mund aufs

neue lass uns kosten den geschmack jedes

einzelnen buchstabens dieser drei worte und

auf der zunge langsam zergehen lass uns

vergessen was war

töne von gestern hören

meinen „gefallenen“ freunden

töne von gestern hören während ihr nicht mehr

atmet und sich dabei glücklich fühlen

schuld?

dem lächeln junger leuchtender augen zusehen und

wissen dass ich euch nie mehr berühren kann

sünde?

in meinem ersten leben war ich euer freund

und bin gegangen ohne euch lebewohl zu sage

reue?

vielleicht

ich wollte in der fremde heimisch werden

habe schmerzgeschwängerte luft eingeatmet

sie sind wie wir damals – wisst ihr noch -

auf der suche nach action und adrenalin

ich lasse mich von ihren blicken treffen während

eure letzten worte irgendwo im all herumirren

allesamt fremde gesichter hier ab und an erkenn

ich eure hoffnungsvollen augen darin

ich hebe zaghaft die hand und möchte sie

berühren doch antworten mir fremde stimmen

ich will euch wieder treu sein ab heute

werde euch fortan suchen nach und nach

ziehe ich die blutkruste von der wahrheit ab

bis ich eurer verloschener stimmen fündig werde

wenn der kopf zerbirst

wenn der kopf zerbirst -

blut lassen oder worte lassen?

der stift in meiner hand verwandelt sich in eine

klinge seziert die haut der zeit in stücke um

schwarze löcher der erinnerung zu flicken

von fahrenden holländern im zugabteil

umschwirrt denk ich an unsere zukunft die

vorbestimmt im buch des lebens zum glück

ereilt mich nicht das schicksal lohengrins mein

schwan bracht mich zum neuen ufer hier gibt es

blechwälder das schwert von don quichotte hätt

niemals eine chance gegen die zahnräder und

die fürsten die sich zu schmücken pflegen mit

noblen namen und digitalen masken

hier bin ich nicht allein bewaffnet mit der

klinge ich bin kein träger eines noblen

namens und der masken bin nicht der baron

v. münchhausen aber vielleicht schält sich

aus meiner malträtierten haut ein nobler

geist heraus dann gnade euch der herr

heimatlos

die nasse stimme des vermeintlichen regens

das laute knistern einer fontaine

das kräuseln der strahlen

ein schnappschuss und noch einer

vorm aufgebauschten wasserberg des lebens

rollstuhlkollone trüb gefärbte leblose

blicke mit letztem hoffnungsschimmer darin

ein kind im gehwagen hinterher die hinkende

mutter ihre haut auch trüb wie die augen-

blicke eine fremde wohl aus

dem bombenhagel katapultiert ins

vermeintliche paradies

ist sie zum durchatmen hier

zum luftschnappen …

geräuschlos fließen ihre

schatten auf dem gepflasterten

weg ihrem einzigen treuen

freund – heißt ihr schicksal heimat-

los für immer genauso wie meins?

falsche zeit – falscher ort

für M.

ich gehe den weg zurück auf der

suche nach unserer zukunft von gestern

ich will die schienen neu legen

die züge umleiten …

der geruch des weißgetünchten hauses

von damals wacht wieder auf

der anblick meines kindergesichts

lähmt mir die zunge meine augen

gleiten zu boden trotz des gleichen

nenners finden wir keine gemeinsame

sprache … ich trag gänzlich allein die

schuld für die zerbrochenen träume die

schatten meiner kindheit fließen entlang der

weißen wand in der weinenden frau im hof

erkenne ich meine mutter – sind das reuetränen?

ich berühr ihre hand und will sie trösten

sie wusste um die brüchigkeit meiner träume

ich greif nach dem pinsel in ihrer hand

streiche das hofpflaster weiß und fordere sie

auf zum tanz – auch ihre züge waren zu falscher

zeit vom falschen ort abgefahren

ich weine nicht um die vergangenheit

denn sie ist tot ich weine um die zukunft

denn sie wird noch sterben

dein junges freudestrotzendes gesicht ist

wie eine frühlingsrose sie weiß nicht dass

der sommer kürzer als kurz ist dass

das schicksal kein gnädiger jüngling

ist launisch wie eine alternde mürrische

dame die nicht mehr zum tanz aufgefordert

wird der pompöse ball kann sie nicht

mehr aufheitern oder milde stimmen

selten gewährt es gnade – hat es etwas bestimmt

kann es das fatum nicht zurücknehmen

warum soll es dir besser ergehen als ihm …

fontane di roma

symphonische elegie nach ottorino respighi

andantino

der sprudelnde quell in valle giulia

die säule des lebens der ewigkeit spiegel

langsam fließt das blut der erde aus deinen

adern hirten trödeln schlendern pfeifen leise

schäferlieder vor sich hin herden ziehen

vorüber tauchen im feuchten dunst der

morgendämmerung unter

tagesbeginn à la roma

agitato

der ruf des hirtenhorns ertönt die luft

erzittert die herde stürzt beiseite. najaden

tritonen eilen herbei zügellos ihr treiben inmitten

der wasserstrahlen – seid ihr töchter des zeusʼ

oder okeanos bringt ihr die kunde von glück

oder unheil – die tritonen-fontäne ist eure

bühne für immer und ewig. seid brav! ich

höre die räder des neptun-wagens schon

rattern – accelerando – schneller und schneller –

lauter und lauter

maestoso

fanfaren reiten auf den wogen der trevi-fontäne

die sonne klettert die wände des himmelzelts

hoch bis zur kulmination der neptun-wagen

kehrt ein  und gleitet feierlich über die wellen

das pferde-gespann wiehert tobt und treibt die

sirenen an sie feiern die nacht den tag und das

leben einen augenblick ist es nur lang die

zeit rinnt wie immer durch die finger der

ewigkeit zügig davon alles tun oder lassen ob

weinen oder lachen der jambus oder trochäus

scheinen vergebens des kosmos‘

wesen ist eben das chaos …

grave

der schleier des schwermuts legt sich über

die fontäne der villa medici orangerot leuchtet

der himmel leises geplätscher deiner letzten

quelle wie das wiegenlied einer längst verstor-

benen mutter begleitet vom fernen glocken-

geläut gedämpftem vogelgezwitscher und dem

hauchzarten blättergeraschel die luft dickflüssig

wie der frische beton … unvorstellbar dass derselbe

mond damals ohne mich durch die nacht spazieren

ging er gibt gern den treuen begleiter und freund doch

wird er fremdgehen mit anderen wanderern und sich

deiner und meiner nicht im geringsten entsinnen

als wären wir nie unter diesem himmel gewandert *

*nach Marina Zwetajewa

ich habe gesprochen mit fremder stimme

für Viktor Schnittke

ich habe gesprochen mit fremder stimme

vor vielen neidvollen blicken

wenige wiesen mir den weg

ich habe gesehen in tausend augen

die tiefen unserer ichs

habe vernommen die lobeshymnen von

hundert gespaltenen zungen

mein gesicht wurde nicht rot vor scham

das kind in mir fühlte sich wohl

es hatte gelernt zu schweigen

sommer im september

sommer im september verharrt

mit letzter kraft und schwerem schritt

als hätt er sich verirrt im niemandsland

um zeitaufschub gebeten das

mütterchen natur als wärs der letzte

die toten noch verscharren sie

zählen und ein resümee verfassen als

wär die zeit in schockzustand verfallen

den atem angehalten den kragen hoch-

gekrempelt in stetiger erwartung des

kataklysmos‘ die amateure üben sich

seit wochen in eloquenz bewaffnen sich

mit klumpen der unwahrheiten jagen

lügen durch den fleischwolf hüllen

ein in einen mantel aus kunterbunten

phrasen servieren sie einander auf antiken

runden tischen schärfen ihre schwerter und

richten diese wieder gegen osten doch

das volk – unerhört der pöbel – ließ sich

nicht aufs neue auf den krieg

einstimmen – den allerletzten -

durch den medialen teufel

the game is over

Andreas Peters

Über den Autor

Geb. 1958 in Tscheljabinsk (UdSSR). Schreibt Lyrik, Prosa, Kindergeschichten und Lieder. Zuletzt Pastor, Seelsorger und Krankenpfleger. Pastor der Evangelischen Gemeinde Bötzingen (bei Freiburg im Breisgau). Mitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. Mitglied Salzburger Autorengruppe (SAG). Etliche Literaturpreise und Buchpublikationen. Zuletzt veröffentlicht:

„Legion“, Literarische Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus. 1940-1947 (Bibliothek der Provinz, 2012).

„Die Brennnesselschlafwandlerin“ Lyrik im Bild (edition innsalz, 2012). „Zersetzungen“, Geschichten (edition innsalz, 2013).

„Verteidigung der Gedichte“, Gedichte (Bibliothek der Provinz, 2014). „Aus Wanderungen“, Gedichte (Rote Zahlen Verlag, 2014).

„PENTECOSTE“. Geistliche MiniaTüren (Echter Verlag, Würzburg, 2015). „Dreh dich doch um, Sulamith“, Liebesgedichte & Liebesgeschichten. (edition iquarius im Verlag Rote Zahlen, 2015).

„Jesus ist in Salzburg geboren“, Gedichte & Geschichten (Verlag INNSALZ, 2017)   www.andreaspeters.cabanova.com

ALLES GUTE KOMMT VON OBEN

wir holen euch die maschine vom himmel,

sagt der mann mit der kalaschnikow.

ich hole dir das blau vom

himmel, sagt don juan.

wir holen euch die nova vom himmel,

sagen die magier aus dem abendland.

ich hole dir den mond vom

himmel, sagt der somnambule.

habt ihr noch wünsche übrig?

wir holen euch die „fliegenden holländer“;

entschuldigen sie den zynismus.

wir holen euch den herrgott direkt

auf  die allee der kosmonauten.

sorry, er kam mir schon entgegen vom

himmel bis zum juri-gagarin-ring 20.

FÜR OSKAR PASTIOR, IMMER*

spaziergang in herrmannstadt. reißenfels-

gasse Nr. 6. stolperstein: „in diesem haus

verbrachte der dichter seine kindheit und

jugend“. ich kippe: wo ist sein gedicht-

band? vorm haus steht ein junge mit einer

alten frau. ist es oscar, seine großmutter?

weil ich in die tasche greife, läuft der junge

auf mich zu und bettelt. ich reiche ihm den

gedichtband. er schüttelt den kopf. ich reiß

eine seite heraus und gebe sie dem jungen.

und noch einen rotapfel als nachtisch. der

junge starrt auf das blatt papier. ich glaube

zu hören: das gedicht gibt es nicht. seine augen

geben zu verstehen: ich kann nicht lesen. ich

sage: es gibt immer nur dies gedicht das dich

gerade liest. er sagt: ich war 1x in salzburg,

austria. es war jänner. du gabst mir 1 euro.

das war 1 gedicht. zählen kann ich. ich

sage: es gibt immer nur dieses gedicht das

dich gerade liest. seine stirn fragt: kann

auch das gedicht, das ich nicht lesen kann,

mich lesen, und es dies gedicht hier nur immer

nicht geben? ich sage: beide du und du lesen

das und dies. duze beide. denn sie lesen dich

auch wenn es dich nicht nur hier gibt, sondern

auch in salzburg, rom und anderswo auf der

welt. der romajunge wickelt den apfel in die

gedichtseite und reicht den inhalt der alten

dame auf der anderen straßenseite, die dabei

war, den namen aufm stolperstein zu entziffern.

*in kursiv: wortlaut des gedichts von oskar pastior

EWIGES FEUER

ich bin mit dem unbekannten

soldaten aufgewachsen beim

ewigen feuer. er kam wenigstens

aus dem krieg. der vater nicht.

meine mutter hätte ihn geheiratet,

andere witwenbräute hatten was

dagegen. er hielt wache tag und

nacht, im sommer und im winter.

jede feier fand zu seinen füßen

statt. er trat nicht mit füßen unsre

wodkalieder, treuebrüche. bei der

eidesformel legte ich meine hand

ins feuer. tschetschenienkrieger

legten ihre prothesen ins feuer.

afghanistanveteranen hielten die

krückenszepter über die flammen.

noch lange nach dem tod des

unbekannten soldaten hielt ich ihn

für einen schutzengel und dachte,

es wird ewig so bleiben.

OSTERN IN RUSSLAND

Leningrad. Peter der Große

dreht sich im Grabe um.

Codex Leningradensis*. Lenin

dreht sich im Mausoleum um.

Wolgograd. Stalin bittet den

Schrein verlassen zu dürfen.

Woskressensk**. Resurrectio

Jesu Christi von den Toten.

Istra. Der Fluss in Zentralrußland

flutet die leere Gruft zum

mäandrierendem Flussbett.

*Aus dem Jahr 1008 in der Russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg (früher Leningrad) ist die älteste bekannte vollständige Handschrift der hebräischen Bibel in der Originalsprache.

**russ. Auferstehung von den Toten. Stadt, heute Isrtra, nach dem gleichnamigen Fluss umbenannt.

EINES TAGES STIRBT AUCH DER FRIEDHOF (Reiner Kunze)

Und dann stirbt auch das meer, die

trunkenen werden ihm langsam zu viel

daraufhin stirbt auch der hades, den

gebetteten wird die decke zu kurz

zu guter letzt stirbt der tod ohne

lizenz für einen friedhof für friedhöfe

ohne das meer für die gekenterten, ohne

das totenreich für die schlaftrunkenen,

ins rollen kommt der stein ohne die

hand unter dem flügel. eines tages

stirbt auch der friedhof, keine flagge

auf halbmond gehisst

tod, wo sind deine seuchen,

scheol, wo bleibt dein sporn?

DER

Auerochs drückt seinen stempel

auf ehrfurchen langziehend, das

amtliche zeichen der rüstungsindustrie

leviathan lässt tarsisschiffe nieder

hauchen gleich blister, abblitzen

der fregatten unter falscher beflaggung

die koryphäen der nacht versiegeln

ihre sarkophage, der exodus findet

trockenen fußes statt durch schilf&mehr

in der schule des tyrannus predigt

paulus von dem gekreuzigten, die titan

herzen werden vom scanner schattenentlarvt

das lamm bricht die siegel alle 7

der offenbarung, lüftet das geheimnis

des schwarzen wermuts, gogs & magogs

lässt armageddon als einen revierkampf

aussehen im schulhof. versiegelung des

notfallkoffers bis zum nächsten mundkuss

auf der 2 meile von pontius zu pilatus

versiegelt mit dem heiligen geist als

unterpfand. der glaube ist das tägliche brot

heute, die liebe – tag & nachtausgleiche

DIE

waschmaschine als paarvermittlerin

lässt zwei weingläser in der vitrine

aneinanderklingen. reißt die wäsche vom

leib, feinwäsche, kochwäsche. beim

schleudergang wird alles gehörig

durcheinandergewirbelt. die gläser drohen

zu zerbrechen wie die uhren 5 vor 12.

anschließend beruhigt sich die situation,

ganz schön plattgebügelt ohne knitter-

schutz. die gläser, nackt wie sie sind, lassens

ausklingen. abends nippen die eheleute

daraus den lambrusco, keiner erzittert vorm

andern, geschweige denn droht zu zerspringen.

VERBANNUNGEN

Die kahlgeschlagene wand als

verlichtete grundfläche gibt

sich keine waldblöße. die

verbannung des kreuzes aus

dem klassenzimmer. einen

baum erkennt man nicht am

laub, sondern an knospen,

sagt herr förster, der pädagoge,

sie schießen früchte, sie stellen

keinen an die wand. nur die

wahrheit gibt sich blöße vorm

loswurf um das gewand, sagt

die zunge zu den berührungs-

ängsten der geschmacksknospen.

ALTE HEIMAT

Russische Kirche, Zwiebeltürme

treiben Tränen in die Augen. Ich

schließe sie. Moskau glaubt nicht

an so was. Mit Gold nicht aufzuwiegen

die Zwiebeln auf Sankt Petersburger Bazar.

ZÄH

Aus dem haus treten, schlange stehen. brot

und milch kaufen wollen. geduldsfaden

nicht abreißen lassen. nadel im heu finden.

durchs nadelöhr gehen. mausoleum statt

magazin – ende der schlange. brot und

milch ausverkauft. für 30 kopeken. es ging

auch nicht mehr um die wurst. babuschkas

bekreuzigen sich, alle drei. „lenin“ versucht

der junge zu buchstabieren den inhaber

des schreins. brieftaube platziert zwei

pünktchen auf dem „e“. breschnews epoche,

wissen alle. hungrig nach hause gehen.

anruf daheim aus der deutschen-demokratischen

republik. irgendwo zwischen karl-marx-

stadt und engelsdorf staut es sich auch,

so der onkel. man hört am ohr schmatzen.

das telefonende schlürfen. „stutenmilch“,

sagt er, „fast wie wodka, von den freunden

aus der mongolei.“ die haben kein mausoleum

errichtet für dschingis khan. przewalski-

pferde – ein zuverlässiger getränkeladen.

morgens um 5.00 uhr früh aus dem haus

treten. schlange beschwören auf mongolisch.

babuschka nadeschda verliert kein wort

mehr. heute nacht hat sie´s ausgehaucht.

WIEGE

Mir wurde nicht in die

wiege gelegt die heimat,

eher die verbannung in

den ural. kein gedicht

von heine, sondern das

von mandelstamm. keine

„prawda“ wurde mir

vorgelesen, sondern ein

blatt aus der bibel vom

samisdat. keine schuh-

rede gehalten von nikita

chruschtschow, nur die berg-

predigt vom „Pik Lenina“.

man hat mir den mund

nicht stopfen können

mit wodka noch selbst-

gebrannten samogon,

sondern mit kuss, einem

kuss, dann stutenmilch

als aperitif. ein gedicht

fuhr mir über die lippen,

danach blutete das herz.

paar brosamen und ein

gebet in platt gaben ihr

bestes zur nacht. wera,

nadeschda, ljubow, meine

drei schwestern, kicherten

auf einem ofenbett vorm

einschlafen. sie fanden

das leben noch heiter. ich

träumte fragil: was wird

mir wohl beim aufwachen

dann in die erdgruft gelegt?

1961 FLOG JURI GAGARIN INS ALL

1968 spielten wir Jungs Fußball am Tag der

Kosmonauten. Behemoth gegen Leviathan.

Die Straße Junge Garde gegen die Gagarina

Straße. Die Birken, je 2 & 2 dienten als Tore.

Beide Goalkeeper trugen den Namen Lew &

Jaschin. Ein Junge meinte vorm Anpfiff, der

kleine Prophet: „Wenn unsre Straße gewinnt

gegen die Gagarina, dann passiert etwas

Schreckliches.“ Abends kam die Nachricht:

Der Kosmonaut Juri Gagarin ist bei einem

Probeflug ums Leben gekommen. Die Birken

standen weiß, mit Ballfleck dahinter.

GENNADI, DEM FREUND AUS DONEZK

Noch vierzig Tage und Donezk wird

umgewendet wie man im Bergwerk

die Erde kippt. Der Spaten fördert das

Unterste zuoberst. Beben und Feuer. O

Babylon gleich Sodom und Gomorrha

und Donezk? Ein Mann mit dem Fisch

beginnt die Tagesreise. O Ninive im Sack-

Gewand Groß und Klein. Gar Großvieh,

Kleinvieh in Staub und Asche. Die Asche-

Wolken zeigen Einschlaglöcher. Die Frauen

vom Flughafenbasar drehen sich nicht um.

RONALDO

auf dem boden & auf der trage nach

dem brutalofoul. die tränen kullern die

wangen hinab. ein nachtfalter am auge

küsst die tränen ab, eine nach der andern;

lässt etliche übrig für den pokal & den

unpateiischen, der den foul von dimitri

nicht andete. der falter hält sich kurz an

einem konfetti fest in farbe der tricolore &

schaukelt hin & her durch die pariser

nacht. die equipe stürzt ab ins tal der

tränen & alle nachtfalter haben alle hände

voll zu tun & fliegen über & überstunden.

ICH BIN DA MAL WEG,

sagt die wanderheuschrecke unterwegs

richtung weites feld. besinnt sich auf

der bushaltestelle in der wüste eines

besseren & fährt paar kilometer mit. ein

kind versucht sie zu erwischen, winkt zum

abschied durch das staubglas. die pilgerin trägt

einen brief an die oase, verwechselt die

postleitzahl, sinnt auf eigene flügelstärke &

landet bei den grasshoppers zürich auf

der auswechselbank.

Max Schatz

Über den Autor

Geboren am 18.07.1981 in Tscheljabinsk (Russland), kam er 1992 nach Deutschland. Nach Fachhochschulreife studierte er von 2003 bis 2007 Elektro- und Informationstechnik in Nürnberg. Er ist Autor von vier Büchern – zwei Romanen und zwei Gedichtbänden. Weitere Veröffentlichungen in jährlichen Almanachen vom „Literaturkreis deutscher Autoren aus Russland e.V.“, Sammelbänden und Anthologien. 2013 Teilnahme am Wettbewerb des Almanachs des Literaturkreises mit Sieg in der Kategorie „Autor unter 35“.

Eigene Buch-Veröffentlichungen:

- „Grundlos“ (Roman), Fouque Literaturverlag 2001, ISBN 978-3826748158, 516 Seiten

- „Mein Ausbruch – Aufzeichnungen eines nicht ganz normalen Jugendlichen“ (Roman), Books on Demand, Norderstedt 2008, ISBN 978-3837060065, 212 Seiten

- „Fliegende Bäume“ (Gedichte), Books on Demand, Norderstedt 2008, ISBN 978-3837063745, 120 Seiten

- „Dritter Teil der Seele“ (Gedichte in Deutsch und Russisch), Books on Demand, Norderstedt 2011, ISBN 978-3842381469, 188 Seiten

Webseite des Autors: www.schachmax.jimdo.de

Fliegende Bäume

Zwei Leben hab ich hinter mir,

das eine dort, das andre hier.

Was ist jetzt dort? Das weiß ich nicht

(und niemand fragt mich auch danach),

vielleicht ein kleiner, stiller Bach,

am Horizont ein schwaches Licht,

so einsam wie nur du und ich,

es hielt uns alle damals wach.

Vergessen ist das erste Leben,

von dem, was war, bleiben nur Scherben.

Doch warum suche weiter ich

im Meer der Lichter auf den Straßen

und in der Enge dunkler Gassen

noch immer jenes schwache Licht,

statt Spaß und Freude den Verzicht?

Die Antwort schwer in Wort’ zu fassen.

(Refrain:)

Wie fliegende Bäume

sind wir und unsere Träume.

Zwischen Himmel und Erde schwebend

und unsere Wurzeln aufgebend,

sich vom Boden loslassend

und auf Neues einlassend,

mit den wütenden Winden ringend

und die alten Lieder singend,

kommen wir immer höher und weiter,

o ja, immer höher und weiter!

Für einen fliegenden Baum

gibt’s keine Zeit und Raum,

kein Dort und Hier, Anfang und Ende.

Was mal verloren, wird nie gefunden,

so muss er büßen für fremde Sünden

und warten wie ein rastloses Pendel

hilflos und trotzig auf die Wende,

während Jahrzehnte werden zu Stunden.

Melitta L. Roth

Über die Autorin

Geboren in Omsk, entstammt sie jeweils einer russischen und einer deutschstämmigen Familienhälfte. 1980 darf sie als Kind mit ihren Eltern und ihrer Schwester in die BRD übersiedeln und ist Jahre, wenn nicht Jahrzehnte so damit beschäftigt, sich nahtlos zu integrieren, dass sie ihre Vergangenheit und ihre russische Identität einfach ausblendet. Sie studiert Visuelle Kommunikation, sattelt später auf Journalismus um und gründet eine Familie. Aber irgendwann lässt sich die Vergangenheit nicht mehr verdrängen. Und auch das kreative Schreiben, das sie ihr Leben lang begleitet hat, drängt sich mit der Zeit mehr und mehr in den Vordergrund. Seit einiger Zeit verbindet sie beides, das Wühlen in der Vergangenheit und das Schreiben in einem blog, der Scherben sammeln heißt. Veröffentlichungen in Sammelbänden, Zeitschriften und Internet.

Seit 2015 Mitglied des writers’ room Hamburg und des Literaturkreises der Deutschen aus Russland.  Seit 2014 Bloggerin von  www.scherbensammeln.wordpress.com


à la russe

Wenn ich mich ein wenig russisch fühlen will, muss ich zu einem Türken gehen. Sonnenblumenkerne kaufen. Obwohl sie ihre total versalzen. Aber in der Not gehen die auch. Am besten sind natürlich die schwarzen oder die gestreiften Kerne, die es neuerdings bei einem Discounter in der Fremdland-Abteilung gibt. Aber bitte ohne Salz. Die türkische Limonade schmeckt auch entfernt so wie früher die russische. Almdudler übrigens auch, das habe ich schon früh herausgefunden, bei einem Urlaub in Österreich. Das erste Mal Almdudler trinken hat mich schnurstracks in meine Kindheit hineinkatapultiert. Heute klappts nicht ganz so gut.
Was ich auch machen kann, wenn mir russisch zumute ist: in eine türkische Bäckerei gehen und diese Teigringe mit Hack essen, Acma oder Acme und dazu einen schönen schwarzen Tee trinken. Diese Teigringe erinnern nämlich entfernt an die Teigtaschen in Kasachstan oder in Omsk, die dreieckigen Beljaschi mit Lammhack. Der schwarze Tee ist genauso stark und wird mit heißem Wasser verdünnt und auch der Ayran erinnert an Mittelasien. Obwohl Kumys ganz anders schmeckt.

Wenn ich mich russisch fühlen will, gehe ich zu einem Konzert von Goran Bregovic oder höre Balkanpop. Eine Kassette, die ich hab, mit ein und demselben Lied in 1000 Variationen, klingt so slawisch, dass es mein Herz weitet. Auch wenn es Bergvölker sind und nicht Steppenvölker. Genug Ähnlichkeit ist vorhanden.

Wenn ich mich nur ein wenig russisch fühlen will, muss ich nach Polen fahren. Einige ländliche Gegenden in Polen sind schon so unterschiedlich zu allem was es hier gibt und so undurchorganisiert, dass es reicht, um sich russisch zu fühlen. Die Felder und die Gärten vor den Holzhäuschen, wilder Blumenwuchs und mit Bänken davor. Und die Blumen sind auch irgendwie ostmäßig.

Wenn ich mich also ein wenig russisch fühlen will, muss ich nach Barcelona fahren. Da brauch ich nur die Augen zu schließen und den Katalanen zu lauschen. Im ersten Moment hört sich die Zackigkeit und Kehligkeit der Sprache fast so an wie Russisch. Aber nur im ersten Moment. Und nur fast.

Wenn ich mich russisch fühlen will, muss ich nach Schweden oder Norwegen und mir die Birken dort ansehen. Oder den Schnee.

Nur nach Russland kann ich nicht fahren. Denn dort fühle ich mich ungeheuer deutsch und ungeheuer fremd. So dass es mein Herz zerreißt.

Aussiedler-Alarm

Sie sah ihn dort stehen, unter dem schäbigen Vordach eines Kleinstadt-Bahnhofs, mit einer Zigarette in der einen und einer Bierflasche in der anderen Hand. Als sie ihn ansprach, es ging um irgendeine Kleinigkeit, hatte sie sofort bemerkt, dass er von drüben kam. Aber sie wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, nicht gleich mit der Totschlag-Frage ankommen:

„Und du, wo kommst du denn her?“

Nach einigen hin und her geworfenen Sätzen, hatte sie wie beiläufig ihren Namen erwähnt.

„Olga heiß ich, und du?“ Er hieß Waldemar, ein junger, schmächtiger Kerl mit Augen, blau wie Seen, umrahmt von dichten Wimpern. Wenn so ein junger Kerl Waldemar genannt wird, gabs keinen Zweifel mehr: Aussiedler-Alarm. Sie hatte ihn auf russisch gefragt: „Aus welcher Gegend von Russland kommst du denn?“ Und dann gings auf einmal ganz leicht. Das Woher und Wohin und Weshalb und Weshalb nicht.

„Wurdest du mal Wladimir genannt, als Kind?“

„Nein, ich hieß schon immer so, von Anfang an – Waldemar. Wladimir, das ist mein Vater.“

Sie plauderten ein wenig, dann sagte er unvermittelt: „Wenns hart auf hart kommt, fackle ich nicht lange“. Eigentlich sagte er es auf russisch und dann klingt es so: Я не играю, Ja ni igraju, ich spiele nicht.

Die Zeitumstellung an diesem Sonntag hatte ihnen eine Stunde extra beschert. Sie unterhielten sich also in einem Mischmasch aus Russisch und Deutsch, wenn sie ein Wort nicht fanden, wechselten sie zur leichteren Sprache, aber die Verständigung klappte gut.

„Wissen Sie, ich fackle nicht lange“, sagte er also, „meine Familie, meine Brüder und die Bullen, die kennen mich schon. Dabei bin ich jetzt ganz ruhig. Keiner macht mich mehr an, sie wissen, wie ich dann bin. Sie wissen, was passiert, wenn sie mich oder meine Familie anrühren.“

Sie schaute auf seine nikotingelben Finger, auf seine ausgetretenen hellen Latschen und die Pilsflasche in der Linken und spürte überhaupt keine Gefahr von ihm ausgehen. Die harten Worte wollten so gar nicht zu seinem schmalen Gesicht passen, auch die Haare waren eigentlich viel zu lang – für einen Schläger. Aber im Auge war doch so etwas wie extreme Entschlossenheit. Und da war dieser bittere Zug um seinen Mund. Sie konnte sich vorstellen, dass er richtig austeilen konnte, im Ernstfall. Er bemerkte ihren Blick und rechtfertigte sich für den Alkohol am Nachmittag, der Vater hätte Geburtstag heute, sie hatten gefeiert, etwas getrunken. Der Vater hat nie wieder eine Arbeit gefunden, in den ganzen zwanzig Jahren, die sie schon hier waren, eine alte Verletzung und außerdem war er immer überqualifiziert für die Jobs, die er angeboten bekam. Das altbekannte Lied, dachte Olga, die menschliche Würde fing hierzulande leider dort an, wo jemand sein eigenes Geld verdiente. Und zwar viel. Und sie hörte auf, wenn er die Arbeit wieder verlor.

„Aber ich“, betonte Waldemar, „ich habe einen Job, seit ich vom Dorf in die Kreisstadt gezogen bin. Und eine eigene Wohnung habe ich auch. Klein, in einem baufälligen Haus, aber meins.“ Er wollte sagen, er ist kein Herumtreiber, trotz Bierflasche am Sonntagnachmittag. Und seine Chefin, моя Шэффа, die kennt ihn mittlerweile auch gut. Sie weiß, wie er sein kann, wie sie ihn zu nehmen hat. Wenns hart auf hart kommt.

Plötzlich kam ein Omilein auf sie zu, mit Haube auf dem Kopf, klein geschrumpft war sie, reichte Olga kaum bis zur Schulter.

„Bist du Dima, Söhnchen?“, fragte sie auf Russisch. An der weißen Haube in ihrem Haar erkannte man ihre Konfession, sie war eine Menonitin, ein frommes kleines Mütterlein, unterwegs irgendwohin, oder gerade angekommen. Vielleicht sollte sie von einem Dima abgeholt werden, hat uns uns russisch reden gehört und versucht ihr Glück. Sie beäugte misstrauisch die Bierflasche. „Ты Дима, сынок?“

„Nein, ich bin Wowa“, antwortete er ihr höflich.

Вова-Володя-Вальдэмар (Wowa-Wolodja-Waldemar).

Wowa-Wolodja, so hat Olga als Kind ihren Cousin immer genannt. Das klang so vertraut und so warm. Klang nach Barbaris-Bonbons und Vanille-Shake im Park. Nach Ну погоди! (Nu pogodi! – Na warte!) Multfilmen mit dem Wolf und dem Hasen und kleinen Секретики (Ssekretiki ) Erdhügelgeheimnissen aus buntem Bonbonpapier unter Glas. Eine Kindheit im Sowjetreich.

Я не играю, Ja ni igraju, ich spiele nicht, hatte Wowa also erzählt. Er spielte schon lange nicht mehr, mit neun und ein bisschen kam er nach Deutschland, da hat seine Kindheit aufgehört. Schlagartig. Und das ersehnte, neue Leben hat leider nicht angefangen. Nach mehr als zwanzig Jahren immer noch nicht.

Das mit dem plötzlich kein Kind mehr sein, daran konnte sich Olga auch noch gut erinnern. Nur waren ihre Erfahrungen nicht so drastisch. Sie kam ja noch vor der ersten Welle, als noch nicht so viele Aussiedler da waren. Sie hatte nicht miterlebt, wie ihre Lehrerin einem anderen Kind den Arm gebrochen hat. Sie musste nicht vor einer Meute feindseliger Jungs stehen und sich mit Fäusten verteidigen, sie hat nicht jeden Tag auf dem Schulhof Schmähungen ertragen müssen. Du dreckiger Russe, geh doch dahin zurück, wo du herkommst. Die einzige Rettung, die anderen Russaki. Die anderen Russen. Gemeinsam ist man stark. Aber nicht immer kann man in Rudeln auftreten, manchmal bist du eben alleine, und dann erwischen sie dich. Bist du klein, dann renn, bist du klein und entschlossen, dann kämpfe. Bis zum Letzten.

Sie wusste nicht mehr, wie sie auf die Vergangenheit gekommen sind. Darauf, was seine Oma Waldemar alles erzählt hatte, bevor sie der Krebs gefressen hat, das, was während des Krieges passiert ist und danach. „Рак её сьел“, das hat er wortwörtlich so gesagt, „der Krebs hat sie gegessen, viel zu früh.“

„Wie mein Mann, der Heinrich aus der Trudarmija (Arbeitsarmee) kam, da habe ich ihn nicht wiedererkannt, aber meine Schwiegermutter, ja, sie ist ihrem Sohn entgegengelaufen. Und unser eigener Junge, der war ja ganz klein damals, der ist vor dem Heinrich glatt davongerannt. In der Scheune mussten wir ihn dann in der Zinkwanne abschrubben, erst dann haben wir ihn ins Haus gelassen. Seine Kleider, die haben wir im Hof verbrannt. Vorher war mein Heinrich ein tüchtiger Bursche gewesen, immer lustig, hatte immer was zu erzählen, alle Buttermaschinen im Dorf hat er selbst konstruiert. Hat alles bauen können, was ihm in den Sinn kam. Doch danach, nach dem allem, starrte er nur noch an die Decke, irrte herum wie ein Gespenst, gesagt hat er gar nichts, aber nachts, da ist er heulend aufgewacht. Und einschlafen konnte er nur, wenn ein Kanten Brot unter seinem Kopfkissen lag. Ein trockener Kanten Brot. Erst dann hat er die Augen zumachen können.“

Oma Emmas Mangel-Monologe, Geschichten von ewigen Kränkungen, vom Hunger und Verlust waren das. Und in einem Ton dahin erzählt, dass einem das Blut gefriert. So als hätte nicht sie es erlebt, als wäre sie nicht dabei gewesen. Aber die Sätze und Bilder dringen in den Zuhörer ein, wirken lange nach. Bleiben hängen bei denen, die sie zu hören kriegen. Bei denjenigen, die nicht abwinken und den Raum verlassen. „Ach, lass doch Mutter, die alten Sachen.“

Und der Enkel hat gut zugehört und hat das alles aufgenommen, jedes Wort. Diese etwas anderen Gute-Nacht-Geschichten. Auch wenn die Oma die Dinge ausgelassen hat, die nicht für seine Ohren bestimmt waren, sie wandern doch unbemerkt zwischen den Zeilen mit, nisten sich ein im kleinen Kopf. Und draußen, auf dem Schulhof dann, du dreckiger Russe. Und Fäuste, die fliegen.

Ja, er kennt sie, die Erzählungen seiner Oma, kennt sie alle, aber er spricht nicht darüber. Mit keinem Menschen. Nie. Mit wem denn auch. Mit den Kumpels? Mit den Brüdern? Mit der kleinen Schwester, die hier geboren wurde?

„Das habe ich alles hier drin“, sagte er und zeigte auf seinen Kopf. „Verschlossen. Es kommt nichts raus.“

Nein, Wowa redet nicht, lieber lässt er seine Fäuste sprechen.

So wie damals, im Bus.

Da wollte er einer schwangeren Frau seinen Platz überlassen. Das gehört sich ja so, so hat er es gelernt.

„Aber die Jungs hier, die haben kein Gewissen.“ Und so hat sich einer mit grauer Kapuzenjacke, ein ganz junger Kerl, vorgedrängelt und wollte sich selbst auf den freien Sitz quetschen. Als er ihn fortscheuchen will, zieht der sein Messer. Waldemar wehrt es mit der blanken Hand ab, und das Messer gleitet glatt durch die Handfläche durch.

„Jetzt kann ich sie wieder bewegen, die Hand“, erzählt er und demonstriert es, in dem er die Finger spielen lässt,  „aber es hat lange gedauert. Heute kann ich sie wieder zu 85% nutzen. Immerhin.“

Die Rechte war es, für einen Rechtshänder eher ungünstig. Aber auch normal, dass er mit der rechten Hand zuerst auf den Angriff reagiert hat.

Was danach geschah, ging recht schnell. Waldemar hat die Kontrolle verloren, hat den Kapuzenträger angefallen und ihn meterweit durch den Bus geschleudert, hat auf ihn eingedroschen, bis er sich nicht mehr geregt hat. Einen Arm und ein Bein habe er ihm gebrochen.

Als die Polizei kam, war zunächst nicht klar, wer da der Angreifer war und wer der Angegriffene. Aber der Busfahrer konnte den Sachverhalt klären, er hat ja alles gesehen. Da Waldemar sich und die Frau verteidigt habe, ist er straffrei davongekommen. Der andere, der Kapuzenträger dagegen musste in den Bau. Drei Jahre hat er dafür gekriegt. Jetzt ist er wieder draußen, Waldemar hat ihn mit seinen Kumpels wieder durch die Straßen der Stadt schlendern sehen, aber ihn lassen sie in Ruhe, um ihn machen sie einen großen Bogen. Sie wissen ja, wie er sein kann. Wozu er fähig ist.

Sie wurden wieder unterbrochen, Olgas Mitfahrgelegenheit war da und auch Wowa musste los, einem Kumpel helfen, einen Schrank zusammenzubauen. Sie verabschiedeten sich hastig. Zu hastig. Tauschten nichts aus, Zufallsbekanntschaft – unterwegs gemacht.

Im Auto nach Düsseldorf lehnte sie ihren Kopf an die kalte Fensterscheibe, viele Sätze gingen ihr durch den Kopf.

Sie fuhren durch NRW und aus dem Autoradio dudelten die Klänge von 1LIVE. Das Neueste vom Sport und die Stauschau gefolgt von Hits aus den Achtzigern, Neunzigern und den Songs von heute. Olga dachte drüber nach, was sie sich gesagt haben, was sie noch hätte sagen können.

Sie hätte sagen können, du hast mutig gehandelt, damals im Bus, mit der bloßen Hand das Messer abzuwehren. Ob sie dazu auch in der Lage wäre, im Ernstfall? Ohne Rücksicht auf Verluste. Du kannst noch soviel trainieren, erst wenn du wirklich angegriffen wirst, zeigt sich, wie du tickst. Ob du auch hemmungslos genug bist, um bis zum Äußersten zu gehen. Das entscheidet den Kampf, weder die Muskeln, noch die Statur, noch nicht mal die Geschicklichkeit. Letztendlich ist es das, was dann zählt, das Überschreiten der Grenze.

Nach einem Song von Bruno Mars kamen die News. Bei einer Meldung horchte sie auf. Es ging um den tragischen Mord an einer jungen Frau in einem Düsseldorfer Vorort. Sie kannte den Spruch über Düsseldorf Eller, noch von früher, „Komm nach Eller, da stirbst du schneller“.  Hochhaussiedlungen. Hohe Arbeitslosigkeit. Viele Menschen mit Migrationshintergrund. Sie betete still: „Lass es keinen Aussiedler sein, bitte lass es nicht wieder einen Aussiedler sein!“ Hoffte, dass der Sprecher Hans sagte oder Michael oder Martin und nicht Viktor oder Eugen oder Sergej. Eine Nachrichtensendung weiter sagte die Moderatorin, dass die Suche nach dem Ex-Mann von Marina H. auf Hochtouren lief. Zeugen hätten den Geflüchteten in der Nähe von Mönchengladbach erkannt. Die Polizei hätte den mutmaßlichen Täter durch einen Schuss in die Brust gestoppt. Er habe viel Blut verloren, vorerst befände sich Waldemar T. allerdings außer Lebensgefahr. Also doch. Ein anderer Wowa Wolodja. Was diesem Wowa die Großmutter wohl alles erzählt hat? Musste er sich auch auf dem Schulhof durchboxen? Hat er auch schon früh das Spielen verlernt? Der zweite Aussiedler-Alarm an diesem Tag. Olga schloss die Augen und lehnte ihre Stirn an die vibrierende Glasscheibe.

Die Hiobsbotschaft

Am Sonntag nach Pfingsten hat es unter unseren Dörflern noch vor dem Gottesdienst eine Riesenaufregung gegeben. Die alte Emma Baas, die am Ostende des Dorfes allein in ihrer Hütte lebte, dort wo die Neuansiedlung begann, kam zum Pastor gelaufen, fasste sich an die schmächtige Brust und stieß röchelnd hervor: „Herr Pastor, Herr Pastor, der neue Brunnen, der ist verflucht!“

Der Pastor griff nach seinem Hut, zog die Pforte zu und folgte ihr mit wehenden Rockschößen. Mittlerweile kamen noch andere Siedler auf das Geschrei hin aus ihren Häusern gelaufen und so setzte sich ein kleiner Umzug in Gang, bis sie alle vor dem neuen Brunnen Halt machten.

In diesem Jahr wurden unserer Siedlung vom Gouvernement Malotschna aus allen 42 Neubauern Hofstellen zugeteilt, die an beiden Enden des Dorfes quer zur Straße nach Nikolajewka gebaut werden sollten, sodass das Dorf die Form einer römischen II bekam. Auch ein weiterer Brunnen wurde ausgehoben, der nach Pfingsten fertig geworden war. Genau an dem Tag, als er sich mit Wasser füllte, bin ich neun Jahre alt geworden, und unser Vater und die Mutter waren schon seit vier Jahren tot. Ich wohnte damals am Dorfrand bei meinem älteren Bruder Johann, seiner jungen Frau und dem Erstgeborenen auf dem Hof Nummer 9. So habe ich mich als einer der ersten dazugestellt und konnte genau sehen, was da am Brunnen vor sich ging.

Was ich aus den Gesprächsfetzen erfahren konnte, war Folgendes: Heute morgen war Emma Baas, die grade Wasser holen wollte und dabei in den Brunnen blickte, furchtbar erschrocken. Auf dem dunklen Wasser schwammen Buchstaben und Zahlen. Weiß und zittrig, aber deutlich zu sehen. Die Alte hatte sich rasch bekreuzigt und sich vor Schreck die Faust vor den Mund gehalten, dabei den Eimer fallen gelassen, der scheppernd neben den Brunnenrand rollte. Wo er noch immer lag.

Einige Männer, die in der Gruppe um den Brunnen standen, erörterten die Sache. Der Zweitlehrer Mack, der gerade in diesem Jahr unsere Klasse unterrichtete, Pastor Zielke, der in unserer Gemeinde predigte, seit ich denken konnte, der Kercher Ludwig Artes und der Kirchenvormund Anton Gellert, der ein Onkel von mir war.

„Aus diesem Teufelsbrunnen werd’ ich nimmer mehr mein Wasser schöpfen, lieber lauf ich bis nach Odessa!“, beteuerte die Alte.

Und der Zweitlehrer blickte über den Brunnenrand und sprach: „Ganz deutlich, da sind ein H und eine 3 und noch eine 3, nein sowas. Das ist mir ein Phänomen!“

„Geh mir bloß fort mit deinen Phänomenen!“, rief mein Onkel. „Ein Zeichen ist es, es wird noch was Schlimmes geschehen. Aber was kann noch kommen? Den Vaterländischen Krieg, den haben wir hinter uns und die große Revolution und die Hungersnot von 1922.“

Ich wollte noch besser sehen und hab mich weiter über den Rand gebeugt, aber mein Onkel zerrte mich mit einem wütenden Blick wieder zurück.

Pastor Zielke hob seine Arme gen Himmel und rief mit Donnerstimme:

„Hört mir zu, Brüder und Schwestern. Der Herrgott spricht zu uns. H und zwei mal die 3, das kann nur Hiob 3,3 sein: Und Hiob sprach: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag soll finster sein und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen!“

„Welcher Knabe ist denn gemeint? Wer ist denn guter Hoffnung? Wenn’s nur kein Knabe wird,“ rief Emma Baas und blickte sich um, warf einen schnellen Blick auf meine Schwägerin Melitta, die ihre Hände schützend vor den runden Bauch hielt und blickte schnell zur Seite. „Gott behüte!“, fügte sie noch schnell hinzu und bekreuzigte sich.

Immer mehr Dörfler kamen inzwischen dazu, es war ja ein Sonntag und so war niemand auf dem Feld. Die Männer zogen sich die Mützen vom Kopf, kneteten sie in den Händen. Alle versuchten einen Blick auf das Wunder im Brunnen zu erhaschen.

„Oh, welch ein Unglück, der Herrgott spricht aus dem Brunnen, böse Zeiten werden auf uns zukommen“, rief da die Witwe Schulz. Sie packte ihre Röcke, lief durchs ganze Dorf und schrie: „Unglück, großes Unglück steht bevor, nehmt euch in Acht, ihr lieben Leut, hört was der Brunnen zu euch spricht!“

Der Pastor wendete sich ab, schloss seine Augen und sprach ganz leise den Hiobspsalm weiter:

„Finsternis und Dunkel sollen ihn überwältigen und düstere Wolken über ihm bleiben, und Verfinsterung am Tage mache ihn schrecklich!

Jene Nacht – das Dunkel nehme sie hinweg, sie soll sich nicht unter den Tagen des Jahres freuen noch in die Zahl der Monde kommen! Siehe, jene Nacht sei unfruchtbar und kein Jauchzen darin!

Es sollen sie verfluchen, die einen Tag verfluchen können, und die da kundig sind, den Leviathan zu wecken!“

„Den Leviathan, Herr Pastor, den Leviathan, wir sind verloren“, schrie der kleine Franz und wackelte mit dem Kopf so sehr, dass seine Nickelbrille ihm beinahe von der Nase gerutscht wäre, wäre sie nicht von den gebogenen Drahtbügeln hinter den Ohren festgehalten worden.

Doch Zweitlehrer Mack, ein besonnener Mann, versuchte die Gemüter wieder zu beruhigen: „Hört doch auf mit eurem Hiob und eurem Leviathan, es gibt sicher eine einfache Erklärung dafür.“

„Wir hätten niemals in dieses Land kommen sollen, gestern habe ich vier Raben gesehen, vier Raben, das nimmt kein gutes Ende, das sage ich euch.“ Das war die Stimme von der Witwe Schulz, deren Mann früher Vorsteher von unserem Dorf gewesen war. Wie ein aufgeplusterter Vogel hat sie ausgesehen, die Haube ist ihr nach hinten in den Nacken gerutscht und aus dem dünnen grauen Zopf haben sich Strähnen gelöst, als hätte sie sich die Haare gerauft. Sie stolperte durch den Matsch, es hatte ja wieder geregnet.

An die Wasseroberfläche stiegen noch mehr Zahlen hoch, eine 3 und eine 7 und Buchstaben, russische diesmal, ein Л und ein Я, ein Б und ein Г. Alle fingen an durcheinander zu reden.

„Я Бог, ich bin euer Herrgott, das heißt es doch, oder?“, schrie einer.

„Lasst es doch den Pastor und den Dorfschulzen untereinander klären!“, schrie der Kirchenvormund Gellert.

„Eine Gemeindeversammlung, wir wollen eine Gemeindeversammlung einberufen, jemand muss doch diese Zeichen deuten können!“, meinte der Kercher Artes.

„Kann es sein, dass dieser euer Hiobsbuchstabe einfach ein russisches N ist und für Nikolajewka steht?“, fragte der Zweitlehrer. „Wer hat denn den Brunnen ausgekleidet, wer hat die Holzbohlen zugeschnitten? Holt ihn mal her!“

„Na, der Möllmann war es, wer denn sonst, der Tischler Möllmann mit seinem Gehilfen, dem langen Franz, wo bleiben die denn bloß?“

In einer langen, schweigsamen Prozession gingen sie zur Kirche, wo der Pastor Zielke einen grimmigen und aufrüttelnden Gottesdienst hielt. Noch mehr Sprüche von Hiob gab er zum Besten und schärfte den Gläubigen ein, sich zu besinnen und von den Sünden abzulassen, denn wenn der Leviathan erst geweckt wäre, würde es das Verderben aller bedeuten und das Ende des Dorfes.

Als am Mittag der Tischlermeister Möllmann mit seinem Gehilfen vom Angeln wiederkam, waren alle mit den Nerven am Ende. Aber genau der konnte alles aufklären.

„Ja, die Buchstaben kenn’ ich, die habe doch ich auf das Holz gemalt. H für hinten und V für vorne. Dann R für rechts und L für links. Dann habe ich sie durchnummeriert. Von eins bis acht“, klärte er die Wartenden auf.

„Dann ist es kein russisches Г, sondern ein lateinisches L und bedeutet links. Und was wir als Я gelesen haben ist ein R für rechts. Das Б ist in Wirklichkeit eine 6. Und das Л ist ein V für vorne und das H von Hiob heißt hinten. So einfach ist es, Leute“, sagte Heinrich Mack. „Die Kreide hat sich von den Bohlen gelöst und ist nach oben getrieben. Alles ganz logisch.“

„Aber wie? Wieso hat sie sich im Wasser denn nicht aufgelöst?“

Nach einigen Überlegungen und Fragen kamen sie darauf. Wie es sich herausstellte, waren die Fichten noch jung und sehr harzig, und das Harz hat sich über Nacht mit der Kreide verbunden und wurde nach oben geschwemmt. Da der Auftrag wegen der Regenzeit so schnell vonstatten gehen sollte, blieb Möllmann keine Zeit, das Holz zu lagern und richtig austrocknen zu lassen.

„Morgen wollen wir neue Fichten für den Aufsatz und das Dach zuschlagen. Beim Schmied hab ich schon das Gewinde in Auftrag gegeben“, fügte der Tischler hinzu.

„Ich sag doch, ein chemisches Phänomen, das muss ich noch genauer untersuchen“, sagte der Zweitlehrer Mack, ganz zufrieden damit, dass er sich von der Hysterie nicht hatte mitreißen lassen. Ganz betreten schauten da besonders diejenigen zu Boden, die am lautesten lamentiert hatten. Doch der Pastor sagte: „Und dennoch sag ich euch, es war ein Zeichen, ein Zeichen Gottes, ihr werdet euch noch umsehen und an meine Worte denken.“ Und Emma Baas und die Witwe Schulz bekreuzigten sich mehrmals. Die meisten waren aber froh, dass es keinen Fluch und keinen Hiob und keinen Leviathan für sie gab, und von diesem Tag an wurde der Brunnen am Dorfende nur noch’s Herrgottsbrünnele gerufen.

Weiß mit einer Linie darin

Aus der Stille kommt ein Wort. Weiß, überall dieses umfassende Weiß. Sogar der Wind ist still. Ich spüre die Kälte nicht. Ich trage meine Filzstiefel, Walenki, dann die wattierte Jacke, die mir viel zu groß ist und dieses kratzige graue Wolltuch, das nur die Augen freilässt. Mein Atem gefriert zu kleinen Eiszapfen, die an der Wolle kleben. Ich schaue durch den Seeschlitz meines Wolltuches. Nach links. Weiße Ebene. Nach unten. Weiße Ebene. Mit kleinen Rissen, denn meine Walenki brechen durch die dünne Schneekruste, die sich auf der Schneeverwehung gebildet hat. Ich schau nach rechts. Da steht sie, meine Mama. Keine drei Schritte entfernt. Ich strecke meine behandschuhte Hand nach ihr aus, sie versucht nach mir zu greifen, unsere Fingerspitzen berühren sich. Das heißt, die Finger würden sich berühren. Wären da nicht die dicken Handschuhe.

Mit einem Mal spüre ich diesen Sog. Es zieht mich runter. Ich merke, wie ich durch den Schnee gleite, immer tiefer, ganz still, ganz langsam. Es ist nicht die wilde Fahrt auf einem Schlitten, nicht wie das Fliegen auf den Eisrutschen, die unser Vater für uns aufgeschichtet hat, als wir Kinder waren. Mit Stufen und einem kleinen Geländer. Wir haben sie zusammen mit Eimern voll Wasser übergossen und am nächsten Tag war die Rutsche festgefroren. Sie hielt bis zur Frühjahresschmelze. Doch das hier ist kein Flug, kein Fall. Ich spüre bloß keinen Widerstand unter den Füßen, der Schnee kriecht langsam an mir herauf.

Ich blicke voller Panik zu Mama rüber, aber sie schaut mich mit festem Blick an. Sie greift meine Hand. Auch sie sinkt ein, so wie ich. Stück für Stück. Wieso redet sie nicht mit mir? Alles ist friedlich um uns herum, kein Laut. Nur dieses Weiß. In dieses stille Weiß sinken wir. Ich will aufschreien, Mamotschka, hilf mir, aber dieses nass-schwere Tuch vor meinem Mund erstickt jeden Laut. Mit der anderen Hand, die nicht die ihre festhält, versuche ich, mir das Tuch vom Mund zu reißen, ich schreie, aber es kommt kein Ton heraus. Um mich lautloses Weiß, in das ich einsinke. Где моя деревня, где мой дом родной? Wo ist mein Dorf? Wo ist mein vertrautes Haus? Wo ist der Wald geblieben? Da ist nur eine Linie, die Weiß und Weiß voneinander trennt. Kaum sichtbar. Sogar die Spitzen der Tannen müssen schon zugeschneit sein. Und wir stehen ganz oben auf der Schneewehe.

Bis zur Hüfte stecken wir schon drin. Wir beide, Mama und ich, wir sinken gleich tief ein. Ich schaue mich hilfesuchend nach ihr um, sie nickt mir zu, wie immer, wenn sie mich ermuntert, etwas zu tun, irgendwo hin zu gehen, wovor ich Furcht hab. Sie hat nur ihr Hauskleid an, das mit den verblichenen Blümchen und der zartgrünen Borte. Keine Jacke, keinen Schal, nichts, nur dieses Kleid. Du wirst dich noch erkälten Mama, will ich ihr zurufen. Du wirst dir noch den Tod holen. Doch dann weiß ich es wieder. Ich habe schon Abschied von ihr genommen am offenen Grab. Tränen und Kerzen. Alles ist vorbei. Es kann doch nicht sein, dass ich hier mit ihr bin und sie ist tot. Und dennoch sinken wir. Gemeinsam. Unsere Arme liegen schon auf der Schneekruste, darunter ist der Schnee ganz rieselig, wir gleiten sanft hinab, die Füße haben keinen Halt. Nur noch die Schultern, der Hals, dann der Kopf und der Schnee wird uns verschlucken. Ich will mich dagegenstemmen, will zappeln, mich herauswinden, aber ich bin wie gelähmt. Die dünne Kruste zerbirst in kleine Platten, darunter ist Neuschnee. Ssypkij sneg, Schnee so fein, nicht wie der klebrige Pappschnee am Anfang des Winters, aus dem wir früher Schneemänner gebaut haben. Hier sind alle Kristalle von einander getrennt. Jedes einzelne für sich. Das ist dieser Schnee, wie er an ganz klirrend kalten Tagen fällt. Wenn es ganz leise ist um einen herum.

Auch jetzt höre ich nichts. Ich spüre die Kälte nicht. Ich kann nur zusehen, wie ich tiefer hinein sinke in dieses unendliche Weiß. Ganz mühelos. Unsere Hände lösen sich und ich bin allein. Gleich schlägt die Schneedecke über mir zusammen, ich hebe den Blick. Wie eine weiße Kuppel schiebt sich alles über mir zusammen. In Myriaden von Kristallen. Lichtweiß und funkelnd. Es ist so wie Musik, nur ohne Musik. Und in der Stille entsteht dieses Wort.

Blütengestöber

In Großvaters Garten standen mehrere Kirschbäume, auf die wir Kinder im Sommer klettern durften und uns erst mal selbst die Bäuche vollschlagen, bevor wir einige Handvoll Früchte für den Rest Familie gepflückt haben. Ganze Nachmittage hingen wir in den Bäumen und wenn uns die Lust vergangen war, gingen wir in Opas Holzwerkstatt und bauten aus Resten kleine Segelboote, die wir in den Aryks schwimmen ließen, den eingefassten Kanälen, die in den Dörfern Kasachstans neben jedem Haus entlang fließen. Der Großvater hatte für alles einen Vergleich parat gehabt. Irgendeine Parabel, in die er die Realität verpackte, so dass ihre Spitzen nicht so deutlich hervorstachen. Er konnte sich im Mai den blühenden Kirschbaum anschauen und sagen: „Glaub gar nicht, dass sich aus jeder Blüte eine Kirsche entwickelt. Zu Hunderten hängen sie auf den Zweigen, aber Regen oder Wind reißen die Blütenblätter oft vorzeitig ab. Dann liegen sie nass und zerdrückt auf dem feuchten Boden. Aus der, die bis zum Schluss ausharrt, die Wind und Wetter verschont haben, wird eine Frucht. Die hat dann Glück gehabt.“

„Oder auch nicht, Opa, wenn die doch gegessen wird?“

„Ja, das ist wahr, sie wird von uns und den Vögeln verspeist und hat dann ihre Bestimmung erreicht. Aber die anderen, die drumherum sind, die vorzeitig zerstört werden, vom Wind vom Regen, die sind da, um sie zu schützen, sie bilden einen Schutzschild. Verstehst du, dann haben sie auch nicht umsonst am Baum gehangen. Ihre Bestimmung ist, die eine zu beschützen. Der Wind schafft es vielleicht, vier Blüten zu zerrupfen aber an die fünfte kommt er nicht ran.“

Das konnte ein langer Vortrag werden, ich kannte das schon. Und sicher kam er am Ende mit: So wie diese Kirschen sind auch wir Menschen, weißt du Grashalm. Nur dass er mich natürlich nie Grashalm nannte, sondern Olenka. Oder Olja. Seine erste Enkelin nach neun Jungs.

„Das ist doch seltsam, dass man die vielen braucht, damit diese eine gedeihen kann,“ fuhr er fort und machte ein neues Loch in einen Ledergürtel oder baute einen Verschluss aus Draht oder oder beulte einen Metallbecher fürs Händewaschen aus. Immer hatte er was zum Reparieren in der Hand. „Und sie selbst, die anderen, fallen. Die zarten Blütenblätter rieseln herab und das, was eine Frucht hätte werden können, verdorrt. Bleibt fruchtlos. Sie wird erst gar nicht bestäubt, von den fliegenden Insekten, den Bienen und Schmetterlingen. Wenn ich ein Wissenschaftler wäre, so würde ich mich den ganzen Tag mit solchen Fragen beschäftigen. Wie viele Blüten müssen abgehen, damit du eine einzige Kirsche bekommst?“

„Na, hast du doch gesagt, vier auf eine, oder so.“

„Die Rechnung ist nicht immer so einfach. Es gibt ja auch Jahre mit besonders reicher Kirschernte, so wie es Apfeljahre oder Kartoffeljahre gibt. Letztes Jahr zum Beispiel gab es viele Äpfel, aber wenig Kirschen. Vielleicht ist es so, dass genau in der empfindsamen Zeit der Blüte es weder starken Regen noch Wind geben darf. Und in diesem Klima wachsen ganz viele zur Fruchtreife heran und. Müssen nicht zerknickt auf dem Boden liegen. Und wenn die Sonne sie zum Reifen bringt, füllen sich die Früchte mit süßen Säften. Werden besonders gut. Verstehst du, was ich sagen will?“

Damals habe ich sicher genickt, aber verstanden habe ich es nicht. Vielleicht spielte er auf den Zusammenhalt der Familie an, dass sich die einen für die anderen aufopfern. Oder er wollte erklären, warum er nicht Wissenschaftler, sondern Automechaniker geworden ist. Eine der Blüten, die es nicht zur Reife gebracht hat, dass äußere Unbilde seine Entwicklung verhindern können. Was ist unser Wind und Sturm? Bei Großvater war es sicher der Krieg. Er wollte damit vielleicht das Unerklärliche erklären, wie tausende und abertausende vom Weg abkamen oder sogar den Tod fanden.

Weiße und rosa Blütenblätter, hingeworfen auf dunkler Erde. Aber dann will ich diesen Vergleich nicht. Denn die Stürme, die Stalin und Hitler und ihre Koalitionspartner und Kontrahenten über die halbe Welt haben fegen lassen, kann man nicht mit einem Frühlingsgewitter gleichsetzen.

Doch der Großvater liebte solche Gleichnisse und suchte und fand sie überall. Wir sind wie diese Blüten. Wir sind wie die Sonnenblumenkerne in der Pfanne. Wir sind wie die Zugvögel. Wie die Holzboote in einem Aryk.

Auch heute, mehr als dreißig Jahre nach diesem Gespräch, steht ein Kirschbaum hinter unserem Haus. Es ist nicht genau unser Haus und auch nicht unser Baum, er steht auch nicht in unserem, sondern im Garten der Nachbarn, aber er ist hoch und ragt mit seinen obersten Zweigen fast an die dritte Etage heran. Dieser Baum ist sehr alt. In manchen Jahren glaubten wir schon, er treibt gar keine Blüten mehr aus, so nah wie er an der schattigen Mauer steht. Außerdem wird er von Efeuranken fast erstickt. Doch dann, im Frühling erwacht er wieder zu neuem Leben und zieht sein weißes Kleid an. Er bringt nicht ganz so viele Kirschen hervor, die die Bäume in Großvaters Garten, aber diejenigen, die es schaffen, werden saftig und rot. Doch leider wuchsen sie bisher weit außerhalb unserer Reichweite. Seit diesem Frühling, durch den monströsen neuen Balkon, den der Vermieter zwecks Steigerung der Wohnqualität hat anbringen lassen, kommen wir fast mit der Hand an sie heran.

Gestern musste ich an den Großvater und seine Geschichten denken. Die mandelförmigen, dunkelgrünen Blätter des Baums waren nach einem Regenschauer wie gesprenkelt. Immer wieder legte sich ein winziges weißes Blatt in eine Windbö und segelte sacht herunter. Dann wieder flirrte eine Meise heran, landete auf einem Zweig und zupfte Blütenblätter mit ihrem Schnabel ab und schmiss sie runter. Vielleicht sind die unreifen noch unentwickelten Knospen für diese Vögel eine Delikatesse.

Es ist seltsam, dass wir nur ein Wort dafür haben. Blatt, Blütenblatt. Dabei sind diese zarten Gebilde überhaupt nicht zu vergleichen mit Zeitungsblättern oder den Blättern der Kreissäge. Ich sehe diesen zarten Tanz und finde keinen passenden Begriff dafür. Vielleicht gibt’s im Japanischen bessere Bezeichnungen. Oh ja, die gibt es!

hanabusa – Blütenkelch, hanabira – Blütenblatt, hana no kushibiru – Blütenlippen, hana no rin – Blütenrund, hana no kumo – Kirschblütenwolken, hana no nishiki – Blütenbrokat. Sie haben ein extra Wort für sacht abfallende Kirschblüten und eine Bezeichnung für umherwirbelnde Blüten. Für Kirschblütengestöber. Und Wellen, auf denen Blüten schwimmen, tauchen auch oft in der Dichtung auf. Als Motiv, nicht als eigenes Wort.

Als Lächeln einer Kirschblüte wird in Japan der Moment bezeichnet, in dem sie sich öffnet. Die dortigen Dichter haben auch die allmählich intensiver werdende Färbung eines Blütenblatts mit einem eigenen Wort bedacht. Das alles hätte Opa sicher gefallen, wenn er das gehört hätte.

Es gibt sogar einen extra Begriff für eine taube Blüte, die keine Frucht trägt – adabana.

War er eine taube Blüte? Nicht zu seiner Bestimmung gelangt. Und bin ich es auch? Eine taube Blüte, frühzeitig vom Baum gerissen und auf einem fremden Ast gelandet? Adabana – klingt dabei so schön. Aber auch sie haben ihren Zweck, diese leeren Kelche, die in alle Winde zerstäubten Blütenblätter. Sie konnten zwar ihren nicht zur Kirsche heranreifen, haben aber durchaus eine poetische Wirkung mit ihrem Dasein erzielt. Oder, laut meinem Großvater, haben die eine Kirschblüte umgeben, die dann zur Reife gelangt ist. Die adabanas haben dem Regen, dem Wind und den Dichtern etwas zum Spielen gegeben, die das weiß-rosa Gestöber, die Blütenfälle ebenso innig besungen haben wie die Blütenpracht und die ausgereiften Kirschen, vielleicht sogar noch mehr. Schönheit und Vergänglichkeit in einem.

Wenn die Kirschen reif sind, werden wir uns einen Obstpflücker ausleihen, einen Teleskopstab mit einem Leinensäckchen daran und einem bezahnten Rand, um die kleinen Kirschköpfe besser von ihren Stängeln zu reißen, dort, wo wir nicht dran kommen. Und vielleicht wirft der alte knorrige und efeuumrankte Baum dort hinten in Nachbars Garten soviel ab, dass wir ein Glas Marmelade kochen können. So wie es auch Großvater mit den Kirschen in seinem Garten in Kasachstan immer gemacht hat. Mit den Kirschen, die wir Kinder ihm übriggelassen haben.

posttraumatisch

11.1.2017

des vaters schmerz hält meine lungen fest umschlossen

und mutters sanfte tränen sickern unter meine lider

die seele klemmt in einem käfig aus gebognen rippen

der schädel drückt

ich kann kaum atmen

nichts mehr sehen

kein wort sagen

nur noch singen

und höre ihre lieder aus dem dunkeln dringen

als krächzen einer krähe

in einer andren welt

nur einen atemzug entfernt

fliegt meine seele

Im Trüben fischen

2016

Fische nicht in trüben Wassern

kann sein, dass etwas Gallert hochkommt

Das ist nicht immer appetitlich

Klares Wasser, klare Worte, klarer Sinn

Transparenz ist erwünscht

Doch um dahin zu kommen, musst du viel Schlamm wälzen

Er bleibt hängen an den Filtern

Daraus baue ich eine Schale

Der Dreck ist Dünger für meinen Garten

Ein Teich ohne Matsch ist einer, der mit einer Plastikplane ausgelegt ist

Und mit sauberen Kieseln umrandet

Einst kam das Leben aus dem Gallert

Einst

Als wir Fische waren

Ваш отзыв